Ötztaler Marathon

31.08.2003

 

Die reinen Fakten:

228 km 5500 Hm Fahrzeit: 11h50m KlassenRang: 5 /13

Der Tag fängt ja schon gut an. Starker Regen, Schneeluft. Bis zum Start sind es noch 2 Stunden. Das Wetter kann sich ja noch bessern. Endlich hat es aufgehört zu regnen. Der Moderator erzählt, dass das Wetter auf dem Kühtai schon besser wird. Wunderbar denke ich, denn von Ötz kommen sehr dunkle Wolken.

Start: 2 mal. Zum einen dürfen wir endlich fahren und zum anderen fängt es wieder zu Regnen und zu Stürmen an. Ist ja nicht schlimm, denn Richtung Kühtai wird es ja schöner - hat er gesagt. Doch der Regen wird immer schlimmer. Vorsichtiges Fahren ist angesagt, besonders bei den Kurven. Einige Fahrer sind Regenfahrten wohl nicht gewohnt und bremsen so überraschend, dass ein großer Abstand das einzig sinnvolle ist. Gruppenfahren ist kaum möglich, es geht chaotisch zu. Jeder weicht dem Spritzwasser des Vordermannes aus. Wind- schattenfahren ist auch Fehlanzeige, wäre aber bei dem Gegenwind eine große Hilfe. Nach kurzer Zeit sind wir alle völlig durchnässt.

In Ötz ziehe ich die Regenjacke aus, weil ich davon ausgehe, dass es mir beim Anstieg zum Kühai warm wird. Nach kürzester Zeit ziehe ich sie sofort wieder an; es ist zu kalt, und es wird immer noch kälter. Ich habe nur kurze Handschuhe dabei. Es war ja die letzten Wochen immer extrem heiß. Die Finger sind klamm. Immer wieder kommen uns Fahrer entgegen. Evtl. wird abgebrochen. Endlich oben ange- kommen schlottern wir alle um die Wette. Der Regen vermischt sich mit einzelnen Schneeflocken. Alle drängen sich um den heißen Teeausschank. Der Teebehälterdruck ist zu schwach. Unruhe und Ärger in der Reihe. Zwei Becher für jeden und die Flaschen füllen. Es dauert und dauert und jeder friert und friert und friert. Jetzt sind meine Flaschen gefüllt und ich stehe da und überlege, ob ich den Pass links oder rechts runterfahre. (Wie lange liege ich wohl im Bett wenn ich mich ernsthaft erkälte?)

Ich fahre rechts weiter. Die Kälte ist extrem. Die Strasse über- schwemmt. Mein neues Fahrrad äußerst unruhig. So teuer und so instabil! Meine Hände sind inzwischen fast gefühllos. Also fahre ich freihändig, stecke meine Hände zum aufwärmen unter die Regenjacke. Vorsichtig richtig runterbremsen, um Abstand von den Voraus- fahrenden zu haben - freihändig fahren, bremsen, usw...
Nach einiger Zeit fällt mir auf, dass beim freihändig fahren das Rad regelmäßig ruhig ist, trotz der Unmengen Wassers auf der Strasse. Da wird mir klar, ich zittere so stark, dass ich damit den Lenker verreiße.

Im Tal verschwinden plötzlich wieder einige Vorausfahrende. Richtung Innsbruck bin ich mit spritzenden Autos alleine auf der Straße. Ich fahre ein Loch zu, um nicht alleine zu sein. Windschatten ist immer noch nicht sinnvoll.
Beim Anstieg zum Brenner bildet sich hinter mir eine Gruppe. Beim Trinken fällt mir die Flasche auf die Strasse, sie rollt sofort bergab. Ich verfolge sie im starken Autoverkehr und erwische sie wieder und damit auch den süßen Tee.
Bei Ankunft auf dem Brenner regnet es immer noch. Bin immer noch völlig durchnässt. Es ist völlig egal, ob man steht oder fährt, es wird mir nicht wärmer. In Sterzing regnet es nur noch strichweise. Hört es etwa auf zu regnen? Das weckt die Lebensgeister. Plötzlich zischt einer auf der Ebene mit kapp 40 Richtung Jaufenpass an mir vorbei. Ich hänge mich in seinen Windschatten. Endlich ist es fast trocken. Ich arbeite mich Meter um Meter den Jaufenpass hoch. Der Tee will wieder einmal raus. Es gesellt sich ein Kollege dazu und erzählt dabei, dass er jetzt das 20. mal müsse. Er habe sich erkältet. Erst glaube ich ihm nicht, aber als ich nachrechne, kommt es mir nicht ganz so unwahr- scheinlich vor, denn schätzungsweise war ich etwa halb so oft am Straßenrand, für die zurückgelegte Strecke eigentlich zu oft. Doch heute bei so einem Tag geht es wohl vielen so.

Weiter oben wird es wieder kalt. Der Rücken schmerzt, vermutlich auch wegen der ständigen Unterkühlung. Ein Lichtblick ist die Jausenstation auf dem Jaufenpass.

Endlich bin ich oben, doch weit und breit keine Jausenstation. Sie soll weiter unten aufgebaut sein. Wir haben Hunger, Durst, frieren, es ist eine miese Stimmung. Ich fahre ab. Nach einem Drittel Abfahrt die Jausenstation. Glücklicherweise kann ich den technischen Service noch aufhalten, damit er mir die Kette schmiert. Schon bei der Auffahrt zum Brenner hörte ich sie, bei der Auffahrt zum Jaufen wurde es immer schlimmer. Kette ist geschmiert, Regen hört auf, Kalorien sind getankt, es ist immer noch kalt aber ich hoffe allmählich, dass ich am Ziel ankomme.

Plötzlich scheint die Sonne. In St. Leonhard ist es sogar warm. Ich ziehe die Regenjacke aus freue mich auf ein paar Kilometer ohne frieren. Im Anstieg wird es wieder kälter. Man kann die Schneegrenze sehen, den Schnee riechen. Mein Magen weigert sich, dass ich weiterhin den süßen Tee trinke, er macht nicht mehr richtig mit. Trotzdem geht es mir relativ gut. Meine Grundgeschwindigkeit ist etwas schneller als bei den anderen. Es sind sicherlich einige dabei, die am Kühtai an mir vorbei gefahren sind. Der Pass hat Überlänge. Ich lasse mich auf keine Provokation ein.

Die Abfahrt vom Timmelsjoch ist naturgemäß das Schönste. Straße trocken, aber oben brutal kalt, so nah an der Schneegrenze und bei der hohen Geschwindigkeit. Am Ortseingang von Sölden setzt sich ein langsamer Bus vor uns. Wir überlegen, ob wir überholen sollen. Wir lassen es und freuen uns nur noch aufs Ziel und dass wir relativ gut ankommen.

An diesem Tag geht es nicht um Sekunden, sondern nur um ein heiles Ankommen im Ziel!!

Und ich möchte keinesfalls unerwähnt lassen, dass ein weiterer TSV'ler, Christoph Hepp, diesen Marathon der Leiden ebenfalls als Finisher heil zu Ende gefahren hat.

Siegfried

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... aber einen solchen!?

Härtester Kampf gegen Wetter,
Berg und sich selbst

Zeuge des Events 2003

Ein sichtbar glücklich-zufriedener Finisher

 www.oetztaler-radmarathon.com